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Indien: Die Menschen haben Angst

Noch keine betätigten Corona-Fälle im Nordosten Indiens

Momentan ist hier in Indien sehr unsicher, wie es weitergeht…“, schreibt unser Mitarbeiter im indischen Ranchi, Alexander Nitschke, zu den Auswirkungen der Corona-Krise. „Im Stundentakt gibt es neue Anordnungen von der Zentralregierung oder  einzelnen Bundesstaaten.“  Im Bundesstaat Jharkhand, wo die Gossner Kirche zu Hause ist, wurde ein „lockdown“ verhängt: Alles steht still. Im Land sei zunehmend eine Europäerfeindliche Stimmung zu spüren. Und: „Angesichts des schon im Normalzustand unzulänglichen Gesundheitssystems haben viele Menschen Angst.“


Unser Mitarbeiter in Ranchi, Alexander Nitschke, beschreibt für uns die Situation im Nordosten Indiens:


„Premierminister Modi hatte die gesamte Bevölkerung für Sonntag zu einer freiwilligen Ausgangssperre aufgerufen. Von morgens um sieben bis nachts um neun sollten Menschen zu Hause bleiben und soziale Kontakte meiden. Gleichzeitig sollten um fünf Uhr nachmittags die Menschen von ihren Dächern, Balkonen oder Fenstern mit Löffeln gegen metallene Teller hauen etc., um damit den Menschen Respekt zu zollen, die sich aktiv gegen die Pandemie in Indien einsetzen.

Noch am selben Abend war das Internet hier voll mit Videos von volksfestähnlichen Szenen auf den Straßen....Menschen, die dem Aufruf zum Krach machen folgten und scheinbar ausgelassen den Sieg über Corona zu feiern schienen. In den sozialen Netzwerken kursieren hier unzählige schräge Erklärungen und Falschinformationen, die von vielen Menschen leider ernst genommen werden....Vielerorts trinken Menschen den Urin der heiligen Kühe, um sich damit gegen die Infektion mit dem Corona-Virus zu immunisieren....oder das Krachmachen am Nachmittag sollte durch die entstehenden Schallwellen den Virus zerstören... Sehr surreal.

Am Sonntag entschied dann auch die Regierung von Jharkhand, den eigenen Bundesstaat mit sofortiger Wirkung zu schließen und verordnete sich selbst einen sogenannten `lockdown`. Die Schließung aller Schulen, Universitäten und Internate war schon in der Vorwoche angeordnet worden. Nun sind alle nicht lebensnotwendigen Einrichtungen, Geschäfte etc. zunächst bis Ende März geschlossen. Staatlich Bedienstete sollen, so weit es geht, von zu Hause aus arbeiten.

Zig Tausende Arbeitsmigrantinnen und Migranten aus Bihar und Jharkhand haben es nicht mehr geschafft, rechtzeitig zurück nach Hause zu kommen. Alle Züge sind eingestellt. Noch scheint der innerindische Flugverkehr zu laufen, aber alle, die jetzt noch nach Jharkhand zurückkehren, werden in einen 14-tägigen Hausarrest geschickt.

Jharkhand sowie der Großteil der Nordost-Bundesstaaten Indiens sind bis heute als einzige indische Bundesstaaten noch vermeintlich verschont vom Virus...zumindest gibt es hier noch keine offiziell bestätigten Fälle.

Schon in den letzten beiden Wochen, als ich auch noch viel in Jharkhand unterwegs war, fiel mir zunehmend auf, wie sich in der lokalen Bevölkerung eine gewisse Ausländerfeindlichkeit bemerkbar machte. Wo auch immer wir uns in der Öffentlichkeit bewegten, konnte ich Umstehende in Hindi miteinander über uns Ausländer reden hören, die vermeintlich das Corona-Virus hier in Indien verbreiten würden.

Erst vorgestern erzählte mir mein Schwager von einem Erlebnis auf der Straße, hier unweit vom Kirchengelände in Ranchi entfernt, wo ein sichtbar als Ausländer erkennbarer Weißer alleine zu Fuß unterwegs war und von vielen Menschen immer wieder lautstark beleidigt wurde....mit eben dieser Corona-Begründung. Mein Schwager Rimil setzte sich für ihn ein und bot ihm dann auch an, ihn auf dem Moped zu seiner Unterkunft zu bringen.

Auch innerhalb der Gossner Kirche war und ist die Unsicherheit in diesen Zeiten groß. Glücklicherweise hat die Kirchenleitung dann doch noch die richtige Entscheidung getroffen und entschieden, alle Gottesdienste, Prayer Meetings etc. abzusagen.

Mittlerweile ist medial auch hier in Indien die Corona-Krise angekommen, und es wird gefühlt über nichts anderes mehr berichtet. Viele Menschen hier haben Angst. Zumal angesichts der schon in Normalzeiten unzureichenden Gesundheitsversorgung, besonders auf dem Land.“

(Berlin, 24.03.2020)




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