Nepal: Ein Land zwischen Unsicherheit, Aufbruch und Hoffnung
Die Menschen in Nepal blicken gespannt den Wahlen im März 2026 entgegen. Vier Monate nach dem politischen Umbruch scheint in der jungen Himalaja-Republik wieder Ruhe eingekehrt zu sein. Doch: Wird es friedlich bleiben oder steuert Nepal erneut auf eine Krise zu?
„Die politische Entwicklung in Nepal ist unvorhersehbar“, betont Kapil Sharma in einem Brief an die Gossner Mission. Im Hinblick auf die geplanten Wahlen am 5. März beobachtet der Geschäftsführer der Gossner-Partnerorganisation HDCS die Lage im Land mit Sorge.
„Verschiedene politische Gruppen und Bündnisse versuchen ihren Einfluss geltend zu machen“, so Sharma. „Sie organisieren Kundgebungen, Demonstrationen und öffentliche Veranstaltungen, um Druck auf die Regierung auszuüben und die Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen. Das macht die Situation noch instabiler, da viele Gruppen um Aufmerksamkeit und Macht konkurrieren.“
Generation Z kämpft gegen Ungerechtigkeit und Korruption
Andererseits habe er, ebenso wie viele andere Menschen in Nepal, nach den Unruhen vom September 2025 neue Hoffnung für die Zukunft geschöpft. Damals hatten sich vor allem junge Nepal:innen der Generation Z gegen Ungerechtigkeit, gegen Machtmissbrauch und Korruption aufgelehnt.
Gerade für die junge Bevölkerung – das Durchschnittsalter beträgt 25 Jahre – ist Repräsentation ein zentrales Anliegen. Nepal zählt rund 30 Millionen Einwohner:innen, etwa ein Drittel gehört indigenen oder sprachlichen Minderheiten an. Neben Nepali sprechen viele eine sinotibetische Sprache. Die meisten Einwohner:innen sind Hindus, aber auch Buddhisten, Muslime, Christen und Anhänger:innen indigener Glaubenstradition prägen das Land.
Minderheiten fühlen sich ausgegrenzt und diskriminiert
Trotz dieser Vielfalt sind Frauen, Minderheiten und Menschen niedriger Kasten unterrepräsentiert. „In den Gremien sitzen immer dieselben Männer“, so eine oft geäußerte Kritik. Das zu ändern, ist ein Kernanliegen der Gen-Z-Aktivist:innen. Es geht daher am 5. März um mehr als nur einen Regierungswechsel; es geht um strukturelle Veränderungen.
Doch der Weg zu fairen Wahlen dürfte nicht einfach werden. Denn nach dem 8. und 9. September 2025 hat sich in Nepal vieles verändert. An diesen Tagen erlebte das Land die heftigsten Proteste seit dem Ende der Monarchie im Jahr 2008. Tausende junge Leute rebellierten und verlangten Mitsprache.
Rund 70 Menschen wurden getötet – die Unruhen forderten Opfer auf beiden Seiten. Und sie lösten eine Sicherheitskrise aus: 15.000 Insassen entkamen aus Gefängnissen, nachdem Einrichtungen gestürmt und Feuer gelegt worden waren. Regierungsgebäude, Polizeistationen, Luxushotels, Parteibüros und Häuser von Politiker:innen brannten. Wer dahintersteckte, ist unklar. Recherchen verschiedener ausländischer Medien legen nahe, dass es sich um koordinierte Brandanschläge von Dritten handelte.
Unruhen im September 2025 lösten Neuwahlen aus
Trotz dieser Gewaltausbrüche gab es schnelle Erfolge: Die Regierung wurde gestürzt, das Parlament aufgelöst und Neuwahlen für den 5. März 2026 verabredet. Eine Übergangsregierung wurde eingesetzt.
„Viele Bürger sind der Meinung, dass die Übergangsregierung gute Arbeit macht und gegen die Korruption angeht“, so Kapil Sharma. „Doch ihr Mandat ist begrenzt. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Wahlen vorzubereiten und dann die Macht an die neu gewählten Vertreter zu übergeben. Wir sind sehr gespannt, wie es weitergehen wird! Zurzeit schwankt das Land zwischen Aufbruch, Unsicherheit und Hoffnung.“
Für seine Organisation sei auf alle Fälle klar: “Wie die Wahlen auch ausgehen mögen, wir stehen an der Seite der Armen und Schwachen in Nepal! Und setzen uns weiterhin für deren Wohlergehen und deren Rechte ein!” HDCS ist unter anderem Trägerorganisation des Krankenhauses Chaurjahari, das von der Gossner Mission seit vielen Jahren unterstützt wird.
Nepal blickt heute auf 240 Jahre Monarchie und ein Jahrzehnt blutigen Bürgerkrieg zurück, der 2008 endete. Damals wurde Nepal zur Republik – getragen von Maoisten, die sich gegen die Königsfamilie und das Kastensystem stellten, unterstützt von den Parteien NC (Nepali Congress) sowie der kommunistischen CPL-UML (United Marxists-Leninists). Seitdem gab es mehr als ein Dutzend Regierungen, meist gebildet aus NC, CPL-UML sowie der Kommunistischen Partei. Die Verwerfungen des Bürgerkrieges sind bis heute nicht überwunden.
Mehr zur Gossner-Arbeit in Nepal >>