Anti-LGBT-Gesetz: Kann denn Liebe Sünde sein?

Gottesdienst in der Church of Uganda.
Gottesdienst in der Church of Uganda. © Helmut Kirschstein

Anti-LGBT-Gesetz droht mit Todesstrafe

In Uganda gilt seit rund einem Jahr eines der schärfsten Anti-LGBT-Gesetze weltweit. Es wurde kürzlich vom Verfassungsgericht des Landes bestätigt. Was aber bedeutet das für die kirchliche Partnerschaftsarbeit?

Das international kritisierte Anti-LGBT-Gesetz sieht teils lange Haftstrafen und bei „schweren Fällen von Homosexualität" sogar die Todesstrafe vor. Auch Menschen, die queere Personen unterstützen, können juristisch belangt werden. Mehrere Aktivistinnen hatten Beschwerde gegen das Gesetz eingelegt, sind damit aber nun gescheitert.

Dr. Volker Waffenschmidt, Afrika-Projektkoordinator der Gossner Mission, ist dem Thema Homosexualität in vielen Gesprächen in Uganda begegnet. Die Vertreter:innen der Partnerkirche,  der anglikanischen Church of Uganda, nahmen dabei (offiziell) stets die Haltung der Regierung ein.

Volker Waffenschmidt berichtet:

 „,Wenn die Bibel sagt, es ist Sünde, dann ist es Sünde´, betonte ein hochrangiger Geistlicher der Church of Uganda im vertraulichen Gespräch. „Und wenn die Bibel es Sünde nennt, wer sind dann wir, dass wir es gutheißen sollen?“ Wir deutschen Gäste zeigten auf, welchen Prozess wir selbst in Europa durchlaufen haben. Auch hier, auch in den USA, tun sich noch immer viele Menschen, viele Christen, Kirchen und Gemeinden schwer mit dem Gedanken, Homosexualität als Ausdruck partnerschaftlicher Liebe gutzuheißen, ja zu begrüßen.

Deutschland als säkularer Staat schaffte den berüchtigten Paragraphen 175 erst im Jahre 1994 ab. Vor 30 Jahren. Und erst 2017 wurden die Urteile, die aufgrund dieses Paragraphen gefällt worden waren, aufgehoben.

Das neue Gesetz gegen Homosexualität in Uganda ist ein „weltliches“ Gesetz. Müsste sich also die „weltliche“ Entwicklungszusammenarbeit nicht ebenso, vielleicht sogar noch mehr als die kirchliche, kritisch fragen, wie sie ihr weiteres Engagement mit ihrer Werteorientierung vereinbart?

Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Grundrecht

Vielleicht aber wird die Politik auch von dem Gedanken geleitet, dass es abzuwägen gilt. Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Grundrecht; keine Frage. Aber Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf eben auch. Wir sind empört, dass die ugandische Regierung ihren Bürger:innen keine sexuelle Selbstbestimmung gewährt und ihnen damit ein Grundrecht verwehrt. Aber fragen wir uns ebenso hart, inwiefern wir ihnen mit unserem Wirtschaften auch Grundrechte streitig machen?

Aber zurück zu unserem Gespräch in Uganda. Das neue Gesetz werde in Europa ziemlich verdreht dargestellt, so unser Gewährsmann. Es gehe in erster Linie um den Missbrauch von Abhängigen, von Kindern, Kranken, Greisen, auch von wirtschaftlich Abhängigen, also solchen, die sich aus Armut prostituieren. Fälle dieser Art habe es jüngst vermehrt gegeben, gegen die nun vorgegangen werden solle. Pädophile seien die eigentliche Zielgruppe des Gesetzes.

Das stimmt natürlich nicht, wenn man den ganzen Gesetzestext liest. Pädophilie wird vorgeschoben, um gegen Homosexuelle allgemein vorzugehen. Aber hier geschieht, was andernorts eben auch oft geschieht: Pädophilie und Homosexualität werden in einen unmittelbaren Zusammenhang gebracht.

Partnerkirche: Kein Abendmahl für Homosexuelle

Wie er sich denn verhalten würde, wenn zu ihm ein Homosexueller käme? Das frage ich den Geistlichen in Uganda. „Er ist mir willkommen, auch im Gottesdienst, wir werden ihm nicht die Tür weisen.“ Aber am Abendmahl, nun, da könne er natürlich nicht teilnehmen, so wenig wie der Ehebrecher oder irgendein anderer Sünder. Und würde er eine/n Homosexuelle/n den Autoritäten melden? Nein, es gebe ja die Schweigepflicht. Und die Todesstrafe? Die würde die Kirche ohnehin ablehnen, für jegliche Straftat.

Wenn er als Pfarrer aber nichts von der sexuellen Orientierung des Mannes mitbekäme? „Wir sind nicht interessiert daran, was die Menschen in ihren Schlafzimmern machen.“ Nur öffentlich zeigen sollten sie es nicht, schon gar nicht propagieren, wie es etliche ausländische Gruppen vermehrt tun. „Das geht nicht in unserer Gesellschaft.“ Er hätte auch sagen können: „Das geht nicht in unserer afrikanischen Gesellschaft.“

Szenenwechsel: Eine Großveranstaltung in Uganda mit Tausenden von Gästen. Dabei auch unsere deutsche Delegation, leicht erkennbar. Ein Politiker ergreift das Mikrophon. Er spricht auf Acholi zu den Menschen. Plötzlich kehrt er sich zu unserer Gruppe um und wechselt ins Englische: Die Europäer sollten es unterlassen, die Menschen in Uganda mit fremdem Kulturgut zu infizieren. Homosexualität gebe es in Uganda nicht, und die Ugander würden sich gegen Einmischung wehren. Ein Affront!

Deutsche Gäste in der Defensive

„Unafrikanisch“, so etwa argumentiert auch unser Gesprächspartner. Und ist sich offenbar nicht bewusst, dass er hier hart am Rande eines reversen Rassismus entlang schliddert. In jedem Fall hört man – auch aus den Worten jenes Politikers – einen gewissen antikolonialen Ton heraus: „Ihr habt uns schon einmal kulturell dominieren wollen. Noch mal lassen wir das nicht zu.“

Was soll man da sagen? Wer möchte schon als Neokolonialist gelten? Das Argument drückt uns in die Defensive.

Wir versuchen es noch einmal theologisch. „Aber die Schrift sagt doch auch …“ Jetzt müssten wir über unser Bibelverständnis reden. Aber wie sollen wir Menschen, denen Missionare vor hundert Jahren die Bibel brachten und mit ihr eine höchst rigide Auslegung, nun klar machen, dass das alles so nicht mehr stimmt? Wer hat denn nun Recht, wer irrt? Haben die Missionare damals gelogen? Und wir heute nicht? Oder anders herum?

Noch einmal Szenenwechsel: Wir sitzen in einer großen Runde mit der kirchlichen Männerarbeit. Es geht um Projekte, alles sehr höflich. Da steht unvermittelt einer der Männer auf und fragt, was man in Uganda eigentlich nicht fragen darf: „Stimmt es, dass es jetzt bei euch erlaubt ist, dass Männer Männer heiraten?“ Der Ortspfarrer erstarrt, die Spannung ist zum Greifen. Der Theologe in unserer Gruppe antwortet als erster: Ja, das sei so. Unser Verständnis der Bibel habe eine Entwicklung durchgemacht, eine ganz allmähliche und keineswegs konfliktarme.

Und zu den Gastgebern gewandt: „Ordiniert ihr nicht auch seit etlichen Jahren Frauen in eurer Kirche? Entgegen dem, was Paulus und die alte Kirche als Gebot verkündeten? Aber auch ihr habt neue Erkenntnisse gewonnen und eure Position revidiert. Wie nun auf anderem Gebiet? Wäre das nicht ein Ansatz zum Weiterdenken?“

"Gott ist die Liebe"

Ich sekundiere: Wer oder wie ist Gott? Welche zentrale Aussage über ihn wäre für euch diejenige, an der sich alle anderen messen lassen müssten? Implizit: Was ist euer „hermeneutischer Schlüssel“? Jeder Mensch, jeder Christ hat eine andere Brille auf, durch die er Gott und die Welt sieht. Jeder bringt sich selbst mit ein in die Auslegung.
„Welche Brille also habt ihr auf? Und was müsste sich daraus an Schlussfolgerungen ergeben?“

Meine Brille, so sage ich als mein Bekenntnis, ist die: „Gott ist Liebe!“ Wenn man dem folgt und diese Aussage für das Zentrum hält, dann müsste doch alles, was in Liebe getan wird, im Einklang mit Gott sein. Liebe zwischen Mann und Frau, Liebe zwischen Frau und Frau, Liebe zwischen Mann und Mann. Solange es sich um Liebe handelt. Damit reden wir nicht der Promiskuität das Wort, das ist keine Liebe, weder hetero- noch homosexuell. Liebe hängt mit Treue zusammen. Was aber kann dann falsch daran sein, wenn zwei Männer einander die Treue schwören, sich in Krankheit und Alter gegenseitig versorgen, Verantwortung füreinander übernehmen?

Die Gespräche, weder das mit dem Würdenträger noch das mit der Männerrunde, gelangten zu einem Ergebnis. Dafür fehlten Zeit und Nähe. Aber ein Anfang ist gemacht. Wir müssen reden!“

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