Jubiläum: Frauenbeauftragte Sosirita Kandulna im Gespräch
Vor 25 Jahren wurde in der indischen Gossner Kirche die erste Frau zur Pfarrerin ordiniert – ein Jubiläum, das in diesem Jahr umfangreich gefeiert wird. Der Kampf um Gleichberechtigung geht jedoch weiter.
Es war ein langer Weg zur ersten Frauenordination im Jahr 2000 in der Gossner Kirche. Seitdem wurde viel erreicht. Mittlerweile gibt es 52 ordinierte Pfarrerinnen und mit Idan Topno eine weibliche Dozentin am Theologischen College in Ranchi.
Umfangreiche Feierlichkeiten zum Jubiläum
Für die Pfarrerinnen in der Kirche war klar, dass das Jubiläum groß begangen werden sollte – schon um ein Zeichen zu setzen. So fanden im Oktober umfangreiche Feierlichkeiten statt; mit internationalen Gästen, vielen Ehrungen und Grußworten.
Aus Deutschland reiste u. a. Ulrike Trautwein, frühere Regionalbischöfin Berlins und heutige Vorsitzende des Indienausschusses, nach Ranchi. Vor Ort geehrt wurde auch Ursula Hecker, frühere Gossner-Referentin, die mehrere Jahre am Theologischen College unterrichtet und sich stets für die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche stark gemacht hatte.
Trotz aller Feierlichkeiten ist sich Pfarrerin Sosirita Kandulna, seit 2019 Frauenbeauftragte der Gossner Kirche, bewusst, dass viele weitere Herausforderungen warten.
Sosirita Kandulna: Weiterhin zahlreiche Herausforderungen
Frau Kandulna, seit 25 Jahren dürfen Frauen in der Gossner Kirche ordiniert werden. Was hat sich seitdem in der Kirche und in den Gemeinden verändert?
Sosirita Kandulna: Zu Beginn war es schwer für viele Pfarrerinnen, in der Gemeinde akzeptiert zu werden. Dass Frauen in Führungspositionen sind und das Sagen haben, ist ja in der indischen Gesellschaft grundsätzlich ungewöhnlich. Vor allem auf dem Land. Auch in der Gossner Kirche herrscht eine gewisse konservative Denkweise vor. Frauen am Altar zu sehen, das konnten sich früher viele Menschen in den Gemeinden nicht vorstellen. Da hat sich aber seit der Jahrtausendwende einiges getan. Je mehr Pfarrerinnen wir haben, desto stärker wird das zur Normalität. Heute sind die Pfarrerinnen in ihren Gemeinden meist akzeptiert und respektiert. Und das wiederum stärkt grundsätzlich die Frauen – auch in ihren Familien und in ihrem eigenen gesellschaftlichen Kontext.
Fühlen sich die Pastorinnen in der Kirche heute also gleichberechtigt den Männern gegenüber?
Sosirita Kandulna: Gleichberechtigt sind sie in Bezug auf die Durchführung von Gottesdiensten, Trauungen, Taufen, Abendmahlsfeiern, Beerdigungen etc. Aber aufgrund der sozialen Struktur unserer Gesellschaft habe ich das Gefühl, dass wir in der Kirche noch einen weiten Weg vor uns haben, bis Frauen genauso behandelt werden wie männliche Pastoren.
Wie sieht der Alltag der Pastorinnen aus? Bei Ihrem Besuch in Deutschland vor einigen Jahren sagten Sie, dass viele Pastorinnen sich stark sozial engagieren. Zum Beispiel indem sie Kranke betreuen oder Blutspende-Termine initiieren.
Sosirita Kandulna: Ja, das ist unsere Stärke! Natürlich machen auch männliche Pastoren Hausbesuche oder laden zu Gebetstreffen und ähnlichem ein. Aber Pastorinnen sind stärker sozial engagiert – unterstützt natürlich durch die Frauen aus den Gemeinden. In der Südwest-Diözese, aus der ich stamme, haben die Pastorinnen zum Beispiel eine WhatsApp-Gruppe ins Leben gerufen. Über diese organisieren sie soziale Arbeit in den Dörfern. Oder sie rufen zu Spenden auf, um in akuten Notfällen Bedürftigen helfen zu können. So können etwa Arztrechnungen bezahlt werden, wenn Menschen in finanziellen Notlagen dazu nicht selbst in der Lage sind.
Ein starkes Engagement!
Sosirita Kandulna: Ja, und zwar in vielerlei Hinsicht! Ein aktuelles Beispiel: Eine unserer Pastorinnen erzählte mir, dass ihr Haus im Monsun mit Regenwasser vollgelaufen war. Aber sie hat ihren Dienst wie immer verrichtet. Obwohl sie natürlich viele praktische Schwierigkeiten hatte. Keinen Platz zum Umkleiden, keinen Platz zum Kochen … Ganz abgesehen davon, dass ihr Haushalt ruiniert war und sie sich um neue Möbel etc. kümmern musste.
Wo sehen Sie Herausforderungen für die Zukunft?
Sosirita Kandulna: Die Zahl der Pastorinnen – zurzeit sind es insgesamt 52 – nimmt in unserer Kirche zu. Das muss sich auch an der Theologischen Hochschule widerspiegeln. Auch wünschen wir uns eine Frau in der obersten Führungsriege, d. h. wir erhoffen die Wahl einer ersten Bischöfin. Das erfordert aber intensive Schulungen für die Pastorinnen, um sie in den Bereichen zu stärken, in denen sie selbstbewusst genug sein sollten, um Probleme, Kämpfe und Herausforderungen zu bewältigen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
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