Ökumene, Gender-Gerechtigkeit, kirchliche Industrie- und Sozialarbeit
Am 12. Dezember wäre sie 100 Jahre alt geworden: Christa Springe. Sie gehörte zu den Pionierinnen im Bereich der Ökumene, der kirchlichen Industrie- und Sozialarbeit, der Gendergerechtigkeit. Und sie gehört zur Gossner Mission.
Christa Springe, geboren 1926 in Stettin, wuchs in Hinterpommern auf. Nach der Flucht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete die junge Frau zunächst auf einem Bauernhof in Westfalen. Ab 1947 lebte sie mehrere Jahre in England, begann ein Theologie-Studium in England und wurde später in Deutschland zur Pfarrerin ordiniert.
Danach wurde sie ins „Sozialamt der Evangelischen Kirche in Westfalen“ in Haus Villigst berufen und danach an die Evangelische Akademie Bad Boll; hier organisierte sie u. a. Tagungen mit Industriearbeiterinnen. Dieses Thema blieb ihr beruflicher Schwerpunkt.
Engagement am Gossner-Seminar in Mainz
Christa Springe arbeitete im folgenden an mehreren Stellen im Bereich der kirchlichen Industrie- und Sozialarbeit, u. a. bei der Gossner Mission in Mainz in deren Seminar für Kirchlichen Dienst in der Industriegesellschaft. Hier sollten Theolog:innen und Pfarrer:innen mit der Welt der Arbeit vertraut gemacht werden.
In besonderer Weise brachte Christa Springe in all den Jahren die unterschiedlichen Arbeits- und Lebenswelten von Frauen und Männern, Fragen der Geschlechtergerechtigkeit in Beruf, Ehrenamt, Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Verortung von Kirche im Sozialraum in die Kirche und die Zivilgesellschaft ein.
Gerechtes Wirtschaften war ebenso eines ihrer zentralen Anliegen. Von 1977 bis 1984 leitete sie als Geschäftsführerin die Evangelische Frauenhilfe in Hessen und Nassau e.V. und trug maßgeblich zur Modernisierung des Verbandes bei.
Auflehnung gegen das traditionelle Frauenbild
Der Verband spiegelte in diesen Jahren noch stark das in Kirche und Gesellschaft vorherrschende, traditionelle Frauenbild wider. Die Frauen der Frauenhilfe sollten eine dienende Rolle einnehmen, ehrenamtlich den Pfarrern zuarbeiten und dabei bescheiden sein und keine Kritik äußern. Doch der Aufbruch in ein neues Frauenbewusstsein, der in der Gesellschaft ins Rollen kam, machte sich auch in der Frauenhilfe bemerkbar. Rollenverteilungen in Familie und Beruf wurden nun hinterfragt und neu diskutiert.
Für Christa Springe war es wichtig, Fragen der Berufswelt wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärker in den Fokus der Frauenhilfe zu rücken. Sie wollte den Verband, der schon damals ein Unternehmen mittlerer Größe war, nach modernen Grundsätzen leiten. So wurden neue Themen auch in ihrer theologischen Arbeit aufgegriffen. In Bibelarbeit, Andacht und Predigt machte Christa Springe immer wieder deutlich, dass es in der Bibel auch um Ermutigung und Stärkung von Frauen gehe.
Springe war zudem auf verschiedenen Ebenen in der ökumenischen Bewegung aktiv und förderte den konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. So war sie Mitbegründerin der Europäischen Arbeitsgemeinschaft Kirche und Arbeitswelt (ECG) und des Work and Economy Network in the European Churches (WEN) sowie viele Jahre Generalsekretärin der ECG, im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages und in Gremien des ÖRK. Sie beteiligte sich auch an der Vorbereitung der Europäischen Ökumenischen Versammlungen im konziliaren Prozess und nahm dabei eine Leitungsfunktion wahr.
Besonders für die Weltgebetstagsarbeit waren ihre Erfahrungen hilfreich und bereichernd. Besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhielt die Aktion „Kauft keine Früchte aus Südafrika“, die auf die Verbrechen der Apartheid-Regierung aufmerksam machte und zum Boykott aufrief.
An der Seite von Horst Symanowski
Christa Springe war verheiratet mit Horst Symanowski in dessen zweiter Ehe. Symanowski gilt als „d e r große Mann der Gossner Mission“ des 20. Jahrhunderts, der nicht nur in Mainz-Kastel das Seminar für Kirchlichen Dienst in der Industriegesellschaft gegründet hatte, sondern u. a. auch in der deutschen Friedensbewegung aktiv war. Christa Springe starb am 18. März 2022 in Mainz.
Save the Date:
Welche Spuren hat Christa Springe im kirchlichen Leben hinterlassen – und wie wirken ihre Impulse bis heute weiter? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Veranstaltung „Der Blick von unten auf Kirche und Gesellschaft“, die das Leben und Wirken der Theologin Christa Springe in den Mittelpunkt stellt.
Mit Vorträgen von Anette Neff, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für historische Aufarbeitung und Erinnerungskultur der EKHN, und Professor Franz Segbers, altkatholischer Theologe und Sozialethiker. Im anschließenden Podiumsgespräch diskutieren Ulrike Schmidt-Hesse (Dekanin i.R.), Christopher Scholz und Dekan Volkhard Guth, was wir noch heute von Christa Springe lernen können.
Dienstag, 10. November 2026
Zentrum Bildung und Gesellschaft
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