Acht indische Pfarrerinnen in acht Gemeinden im Einsatz
Acht Pfarrerinnen aus der indischen Gossner Kirche zwei Wochen in Deutschland zu Gast – eine Premiere! Nach der Begrüßung in Berlin schwärmten die acht Frauen in verschiedene Gemeinden aus. Von Berlin bis Borkum.
Die Idee zu dem Deutschlandbesuch war im vergangenen Herbst in Indien entstanden: anlässlich der Feierlichkeiten zum 25. Jubiläum der Frauenordination in der indischen Gossner Kirche.
Zum Programm in Deutschland gehören fünf Tage Gemeindepraktikum – in drei Kirchengemeinden in Berlin, sowie in Dortmund, Victorbur in Ostfriesland, Lemgo und Lockhausen in Lippe sowie auf Borkum. Für Frauenbeauftragte Sosirita Kandulna ist klar: „Ein Abenteuer der besonderen Sorte.“
Auf Borkum: Gemeinsam kochen, arbeiten, diskutieren
Besonders abenteuerlich ist es für Pfarrerin Pushpa Tuti. Schon die Anreise von Berlin nach Borkum birgt diverse Hindernisse – zumal just an ihrem Reisetag massive Sturmschäden die Bahn ausbremsen. Mit Mühe und Not erreicht die 46-Jährige die letzte Fähre und wird auf Borkum von Pfarrerin Antje Wachtmann am Fähranleger abgeholt. Zwischen den beiden Frauen springt der Funke gleich über.
Natürlich gibt es vor Ort sprachliche Herausforderungen – in diesen Fällen wird die KI befragt. Aber ansonsten laufen die fünf Tage unproblematisch. Pushpa Tuti begleitet Antje Wachtmann bei den Gottesdienst-Vorbereitungen und zu Beerdigungen, zum Konfi-Gespräch und in die Senioren-Einrichtung. Abends wird gemeinsam geschnippelt und deutsch-indisch gekocht, und genug Zeit für das Bewundern des Sonnenuntergangs am Strand bleibt auch.
Die Gespräche entwickeln sich ganz von selbst. Warum leben alte Menschen im Heim? In Indien kümmern sich die Jungen um die Alten. Warum sind in Deutschland die Gottesdienste so schlecht besucht? Und wie steht es um die Rolle der Frau in den christlichen Kirchen? Die beiden sind sich einig: „Wenn mehr Frauen in Leitungspositionen wären, dann würde Kirche ganz anders aussehen!“
Willkommensbogen empfängt Pfarrerin Surin in Victorbur
Einige Kilometer entfernt machen Pfarrerin Elis Surin und Pfarrerin Andrea Düring-Hoogstraat in Victorbur ähnliche Erfahrungen. Zur Begrüßung haben Groß und Klein einen „Willkommensbogen“ gebunden und am Portal befestigt. Das sei in ihrer Gemeinde so üblich, wenn Menschen von weither anreisen, betont die Pfarrerin. „Wir freuen uns stets auf Gäste und sind eine gastfreundliche Gemeinde!“
Das erlebt Reverend Elis hautnah. Sie isst gerne Fisch – und den gibt es superfrisch im Hafen von Greetsiel. Also legen die beiden Pastorinnen dort eine Pause ein. Zumal diese wunderbar zwischen das Gespräch mit der Lokalpresse und die Probe des Kirchenchores passt. Ein Termin im Kindergarten steht ebenso an wie der Besuch bei Superintendent Tido Janssen in Aurich. Nicht zu vergessen die Sitzung des Kirchenvorstandes und der 60. Geburtstag des Bürgermeisters der Großgemeinde Südbrookmerland.
Elis Surin begleitet ihre Kollegin durch den Alltag, von früh bis spät. Beim Gespräch gerade mit älteren Menschen zeigt die 51-Jährige, wie man ohne Sprachkenntnisse und KI kommunizieren kann. „Viele Ältere hier sprechen Hochdeutsch und Plattdüütsch – beides spricht Elis nicht“, erzählt Andrea Düring-Hoogstraat später. „Aber das war überhaupt kein Problem für Elis.“ Ihre Zusammenfassung nach fünf Tagen: „Eine sehr bereichernde Zeit!“
Lemgo: Bereichernde Zeit für beide Pfarrerinnen
Das empfindet auch Pfarrerin Ulrike Bell so. Mit Pfarrerin Idan Topno unterhält sie sich in Lemgo über verkrustete Strukturen in der Kirche, über Rückwärtsgewandtheit und über die deutsche Überflussgesellschaft.
„Ich war beeindruckt, wie lebendig Idan Topno von Indien erzählt hat, von ihrer Arbeitssituation und der Situation der Kirche. Auch von langen Strecken, die sie mit Gottvertrauen, Klugheit, Ausdauer, Willenskraft und mit Gottes Hilfe gemeistert hat und noch meistert. Wie sie bei aller Widrigkeit ihren Weg geht und das Beste daraus macht.“
Beeindruckend findet sie auch, dass zu den Gottesdiensten in der Gossner Kirche sonntagmorgens um 6 Uhr 600 bis 700 Menschen kommen. „Ein unglaublicher Reichtum! Warum gibt es dort diesen Sog? Warum gibt es ihn bei uns nicht?“
Ulrike Bell abschließend: „Vielen Dank, dass ich Gastgeberin sein durfte. Das war eine sehr schöne und erfüllende Zeit, und die Welt ist ein bisschen kleiner geworden …“
Wie wird die Gossner Kirche in sieben Jahren aussehen?
Nach den Tagen in den acht Gemeinden treffen sich die indischen Pfarrerinnen mit den Vertreter:innen der Gossner Mission zur Auswertung des Programms.
Und sie blicken nach vorn. Wie wird ihre Kirche in sieben Jahren aussehen? Die Frauen wünschen sich eine „nachdenkende Kirche, die auf andere achtet, die sich kümmert“. Eine Kirche, in der Kinder zu Selbstständigkeit und Gerechtigkeit erzogen werden. Eine Kirche, in der Frauen selbstbewusst ihren Weg gehen, in der ihnen die Leitungspositionen offenstehen.
Aber sie wissen auch, dass sie noch einen langen Weg vor sich haben. Dass der Kampf um Gleichberechtigung weitergeht und zu Hause bald wieder Herausforderungen warten.
Sosirita Kandulna: „Aber erst mal sind wir hier – und das ist großartig! Ein historischer Moment! Unser Hiersein bedeutet Stärkung und Ermutigung aller Frauen in unserer Kirche – dafür bedanken wir uns bei allen, die diesen Besuch möglich gemacht haben.“
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Terminhinweis:
Pfarrerin Dr. Idan Topno predigt am Sonntag, 14. Juni, 10 Uhr, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin.