Christian Reiser blickt auf zehn Gossner-Jahre zurück
Ein echter Weltbürger seit seiner Kindheit und später im Berufsleben sowieso: Nach zehneinhalb Jahren Gossner Mission wird Direktor Christian Reiser am 14. März in den Ruhestand verabschiedet. Was gibt er „seinem“ Werk mit auf den Weg?
Herr Reiser, mehr als zehn Jahre haben Sie die Geschäftsstelle der Gossner Mission geleitet. Was bewog Sie 2015 dazu, sich dort zu bewerben?
Christian Reiser: Nach Jahren in den Philippinen, Bolivien und bei Brot für die Welt suchte ich eine Stelle in Deutschland mit Weltbezug – am liebsten mit einer Beziehung zu Indien. Gerne in einer Großstadt – am liebsten in Berlin. Und gerne in einer Leitungsposition – am liebsten in einer kleineren Organisation, in der ich noch vieles selbst machen könnte. Da schrieb die Gossner Mission 2015 ihre Direktorenstelle aus. Das passte.
Zehneinhalb Jahre sind Sie geblieben. Solange wie in keiner anderen Stelle vorher. Was macht den Charme der Gossner Mission aus?
Christian Reiser (lacht): Da könnte ich vieles nennen. Ganz klar ist: Die Gossner Mission hat ihren ganz eigenen Charme. Ein kleines Werk mit großer Geschichte. Mit einem Gründer, der ungewöhnliche Wege ging – und bereit war, anzuecken. Diese Haltung hat er seinem Werk mitgegeben. Die Gossner Mission ist bis heute unabhängig. Sie begeistert mit ihrer Arbeit viele Menschen in der ganzen Bundesrepublik und kann sich auf die Unterstützung vieler Ehrenamtler:innen stützen, die mit ganzem Herzen dabei sind! Hinzu kommen die vielen internationalen Kontakte und die ambitionierten Projekte. In einem solch lebendigen Netzwerk an entscheidender Stelle mitzuarbeiten – das hat mir große Freude bereitet.
Neben den Höhepunkten gab es allerdings auch Krisen.
Christian Reiser: Ja, etwa während der Corona-Pandemie. Freiwillige mussten ihren Dienst abbrechen, Auslandsdienstreisen waren undenkbar. Insbesondere Indien durchlebte eine angsterfüllte Zeit. Einige unserer engsten Partner, wie Bischof Lakra von der Nordwest Gossner Kirche, überlebten die Pandemie nicht. Sehr dankbar waren wir in dieser Phase, dass wir dank hoher Spendeneinnahmen und der Unterstützung durch mehrere Landeskirchen an der Seite der Menschen in Indien und Nepal, Sambia und Uganda sein konnten! Ein halbes Jahr lang übernahmen wir sogar die Gehälter für die Mitarbeitenden des Theologischen Colleges der indischen Gossner Kirche.
Im Herbst 2022 machten Sie ganz persönlich eine traumatisierende Erfahrung. Kann man das so umschreiben?
Christian Reiser: Ich hätte es vielleicht als „bestürzende Erfahrung“ bezeichnet. Während eines Partnerschaftsbesuchs in Assam wurden die ostfriesische Delegation, mit der ich damals unterwegs war, und ich selbst von der Polizei in unserem Hotel festgehalten und einen Tag später ausgewiesen und zum Flughafen eskortiert. Traumatisierend war diese Erfahrung insofern, als unsere beiden indischen Begleiter, unser Mitarbeiter Mukut Bodra und Pfarrer Barnabas Terang, festgenommen, mehrfach verhört und vier Wochen lang ins Gefängnis gesperrt worden. Das hat uns alle damals sehr berührt und betroffen gemacht – und wirkt noch immer nach.
Nach den Krisen zu den Höhepunkten. Woran denken Sie gern zurück, wenn Sie an diese zehneinhalb Jahre denken?
Christian Reiser: Etwa an meinen ersten Missionstag im November 2015 in Ranchi – und meine erste Predigt auf Socken. An die großen Feierlichkeiten anlässlich „500 Jahre Reformation“ und „100 Jahre Autonomie der Gossner Kirche“ 2019 in Ranchi. Natürlich bleiben die Reisen in die Arbeitsfelder – in den Süden Sambias, den Norden Ugandas, nach Indien und nach Nepal – besonders eindrücklich. Und quasi als Kirsche auf dem Sahnehäubchen konnte ich auch entlegene Projektgebiete bereisen: Karbi Anglong in Assam, das Gwembe-Tal in Sambia sowie Doti mit den leuchtend grünen Reisfeldern in Nepal. Und Jahre zuvor schon zu Fuß (da es keine Straßen gab) in 3000 Metern Höhe in die Berg- und Projektregion Mugu.
Was geben Sie der Gossner Mission mit auf den Weg, wenn Sie sie nun verlassen?
Christian Reiser: Für die Zukunft ungemein wichtig ist die Entwicklung des Freiwilligenprogramms. Über das Berliner Missionswerk laden wir regelmäßig indische und sambische Freiwillige ein und entsenden nach Uganda und Sambia. Aus dem Kreis der zurückgekehrten Nord-Süd-Freiwilligen und in Deutschland bleibenden Süd-Nord-Freiwilligen hat sich die Gruppe der „Young Gossners“ formiert. Sie bereichert die Arbeit um junge Ideen. In den nächsten Jahren werden auf Kirchen und Missionswerke zunehmend finanzielle Herausforderungen zukommen. Diese werden neue Gedanken und drastischere Schritte nötig machen.
Auch deshalb habe ich für meine Verabschiedung den Vers „Verlass dein Land, deine Verwandtschaft und das Haus deines Vaters! Geh in das Land, das ich dir zeigen werde!“ (Gen 12,1) gewählt. Diesen Auftrag an Abram wird auch die Gossner Mission in den kommenden Jahren erfüllen und sicher auch unbequeme Wege einschlagen müssen. Ich hoffe sehr, dass auch die Verheißung Abrams uns gilt: „Ich will … dich segnen“ (Gen 12,2).
Und wie sehen Ihre weiteren persönlichen Pläne nun aus?
Christian Reiser: Als Puffer und Schwellenzeit zwischen der Berufstätigkeit und dem sogenannten Ruhestand will ich eine lange Radtour machen. Am Südwest-Kap in Portugal geht es im April los; immer nach Norden fahrend, den Atlantik immer auf der linken Seite. Vielleicht schaffe ich es bis Schottland. Ich freue mich darauf, draußen zu sein und frei und vor allem ohne Termine. Das neue Rad, ein „Randonneur“, wartet schon.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Das vollständige Interview ist in unserer Zeitschrift zu lesen. Die neue Ausgabe der „Gossner. 1/2026“ erscheint im April 2026.
Die Verabschiedung findet statt am Samstag, 14. März, 16 Uhr, in der Patmos-Gemeinde, Gritznerstraße 18-20 12163 Berlin-Steglitz.