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Herzlich Willkommen in meinem Reiseblog
 
 
Liebe Gossner-Freunde,

rund zehn Tage lang werde ich unsere Partnerkirche in Indien, die Gossner Kirche, besuchen. Es handelt sich um einen Arbeitsbesuch – und trotzdem wird sicherlich Zeit sein, interessante Eindrücke und Neuigkeiten aufzunehmen. Begleiten Sie mich doch einfach. Ich freue mich schon auf Ihre Rückmeldungen.

Ihr
Ulrich Schöntube
 
 

Ranchi 18.1. - Das Rote Päckchen

Der Tag begann heute mit einem politisch heiklen Besuch. Dr. Nirmal Minz und seine Frau kamen zum Tee. Beide sind hochbetagt. Er gründete vor etwa dreißig Jahren eine eigene Kirche, die sogenannte Nordwest Gossner Kirche. Die Geschichte der abgespaltenen Nordwest-Gossner Kirche beginnt bereits im 19. Jahrhundert. Die Region der Adivasi wird von verschiedenen Stämmen mit verschiedenen Sprachen bewohnt. Während zur heutigen Gossner Kirche die Stämme der Munda, Santal, Ho und Kharia hauptsächlich gehören, zählt die Nordwest-Kirche hauptsächlich Mitglieder der Oraun- und Kurukhstämme. Sie unterscheiden sich in ihrer Mentalität und so kam es zu einer unterschiedlichen kulturellen Aufnahme des christlichen Glaubens. Dr. Minz meint, dass eine unterschiedliche Inkulturation des Evangeliums zwangsläufig zu verschiedenen Organisationsformen der Kirchen führen muss. Nur unterscheidet sich die Form der Nordwest-Kirche nicht wesentlich von der Gossner Kirche. Aber aktiver sind sie. So sendet die Nordwest-Kirche Missionare und Pfarrer, die sie selbst finanzieren können, nach Nepal zu den Kurukhstämmen, die vor etwa 300 Jahren in die Landschaft des Terai auswanderten. Ich vernehme dies mit großem Staunen und hatte davon auch schon in Nepal gehört.
Ursprünglich begann die Gossner Mission nämlich ihre Arbeit in Nepal in der Vorstellung sie könne dies gemeinsam mit der Gossner Kirche tun. Nun vollzieht die abgespaltene Kirche diesen Schritt selbstständig. Über all diesen Fragen der Trennung, über die wir uns austauschten, schwebte der Geist der großen persönlichen Verbindung. Schließlich sagt Bischof Minz: „Es war ein Fehler, dass wir als Nordwest-Kirche die offiziellen Beziehungen zur Gossner Mission vor 30 Jahren abgebrochen haben. Wir sollten sie wieder aufnehmen und gemeinsam auf die Stimme Christi hören. Er ruft uns mit den Schwestern und Brüdern der Gossner Kirche unsere Verantwortung für die Armen und Benachteiligten wahrzunehmen.“ Und wir fangen an zu träumen: Wie wäre es, wenn beide Gossner Kirchen ein soziales Projekt wahrnehmen würden, anstatt vor Gerichten über Landfragen zu streiten? Vielleicht werden wir von den Gefangenschaften befreit (Ps. 126).

Das intensive und herzliche Gespräch führte dazu, dass ich nicht ganz pünktlich bei dem Treffen des „Deutschen Komitees“ ankam. Meine Ankunft nach indischer Zeit hatte auf der anderen Seite den Vorteil, dass die sonst übliche Wartezeit mir erspart blieb. Das Komitee begleitet die Beziehungen der Gossner Kirche nach Deutschland, so wie es ein Indienausschuss in der Gossner Mission gibt. Der Ausschuss hörte mit Interesse meinen Bericht über die Arbeit der Gossner Mission. Ausführlich informierte sich das Komitee über die Fortgang der aktuellen Projekte des Kindergartens und des Bibelteilens. Sodann berichteten sie über ihre Arbeit und ihre Probleme.
„Wir haben ein finanzielles Problem. Wir haben zu wenig Einahmen, um die Missionsarbeiter zu bezahlen. Wir haben bei unseren Pastoren kein genügendes Bewusstsein für soziale Fragen. Unsere Ausbildung ist auf Liturgie und Predigt ausgerichtet, aber nicht auf die praktische Arbeit. Wir haben keine guten Leiter. Unsere Gebäude sind in einem renovierungsbedürftigen Zustand. Wir geben kein gutes Bild in der Öffentlichkeit damit ab. Wir brauchen eine Evaluation für alle Institutionen.“ Als ich den Bericht vernahm, in dem sie kein gutes Haar an sich selbst ließen, war ich recht niedergeschlagen und versuchte dies zu spiegeln: „Es gibt auch keine Stärke, mit der ihr als Kirche überleben könnt?“ Sie schwiegen. Dann: „Doch wir haben verschiedene Institutionen die solche Aufgaben übernehmen könnten, Menschen die dienen wollen. Finanzen sind genug in den Diözesen. Die Missionsarbeiter werden zu einem großen Teil schon jetzt von den Gemeinden getragen.“ – Sie lachen: „Unsere größte Schwäche ist, dass wir sagen: Wir sind schwach. Dabei sind wir doch reich.“

Nach einem kurzen Stopp im Haus unseres Liaison Office bei einem deutschen Kaffee und einem kurzen Fussballkick mit dem jüngsten Leon folge ich einer Einladung Dr. Esran Bhengras zum Tee. Sie war Direktorin einer der Lehrerausbildungsstätten der Gossner Kirche. Ihr Mann arbeitet im politischen Bereich und ich konnte noch einige Details über die Bewegung der Naxaliten erfahren. Besonders heiter war, dass mir Esran Bhengra ein paar Erdbeerpflanzen aus ihrem Garten zeigte, die ich ihr vor zwei Jahren aus Deutschland als Ableger mitbrachte. Sie gedeihen wunderbar und sie ertnete mehrmals schon Erdbeeren.

Als ich zum Eintritt der Dunkelheit mein Quartier erreichte, saßen auf der Veranda ein paar Männer. „Was wollen die jetzt hier“ dachte ich müde. Doch unser emsiger Matho brachte schon Tee und ich setzte mich auf den freien Stuhl. „Wir sind“ begann der erste „eine Vereinigung der Ärzte der Gossner Kirche. Wir haben vor einem Jahr einen offiziell registrierten Verein gegründet „Lutheran Health Care Society“. Wir haben 15 Mitglieder. Alle sind Doktoren und arbeiten in Krankenhäusern und Gesundheitsstationen. In unserer Freizeit wollen wir gern medizinische Hilfe jenen anbieten, die es sich nicht leisten können.“ Ich dachte zuerst, ich träume. Eben noch beklagten sich die Autoritäten über ihr mangelndes soziales Bewusstsein und nun sitzen vor mir vier Ärzte, die sich engagieren wollen und sogar schon eine Organisationsform jenseits der Kirche gegründet haben. Wir entwerfen folgenden Plan. Sie werden als Pilotprojekt mit mobilen Health Camps beginnen, zunächst in den problematischen Stadtteilen, dann auf dem Land. Wenn es funktioniert, wäre es denkbar, eine Basis der Primärversorgung auf dem Campus einzurichten. Die Gossner Mission könnte dies  mit einem Charity fond, ähnlich dem Hospital in Nepal unterstützen. Dabei müssten nur die Kosten für Medikamente abgedeckt werden, denn arbeiten wollen sie als Dienst ohne Gegenleistung. Samariter! Einer von ihnen spricht mich beim Verabschieden schließlich im lupenreinen Russisch an. Erstaunlicherweise gelang es mir zu parieren und er erzählt er habe in Moskau promoviert! Und ich erzähle, wo ich diese wunderbare Sprache lernte und vertiefte. „Schastlivovo Puti “ – Gute Reise beenden wir lachend das Gespräch.

Als sie nach unserer Besprechung den Hof verließen, holte mich Dr. Sujit Canton zum Abendessen ab. Er war im September für 4 Wochen in Deutschland und arbeitete in unserem Archiv. Es war ein schöner Abend. Sein Sohn stellte mir die Tabla vor, ein indisches Trommelinstrument. Er versteht sehr virtuos durch verschiedene Schlagtechniken verschiedene Töne in einer polyphonen Rhythmik zu spielen. In einem halben Jahr wird er sein Konzertexamen mit diesem Instrument ablegen. Respekt!
Der Hausherr Sujit hatte offenbar als er uns besuchte, unsere älteste Tochter beim Frisieren beobachtet. Er überreicht mir zum Abschied ein rotes Päckchen mit Zopfgummies und bunten Spangen. Ich werde ein Held sein, wenn ich nach Hause komme.