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Kalkutta: Mit Bus und Bahn

Einmal auf dem Dach sitzen!

Unterwegs mit öffentlichen Verkehrsmitteln. In Indien heute kein Problem mehr? Nein, kein Problem, aber noch immer ein Abenteuer. Und ein besonderes Erlebnis. So empfindet es jedenfalls unser Freiwilliger Caspar Radunz, der zunächst im Liegewagen der indischen Bahn und dann  a u  f  einem Omnibus von Ranchi nach Kalkutta und darüber hinaus fährt – und völlig beglückt davon berichtet:  „Endlich hat es geklappt! Ich kann in den Urlaub fahren. Ein Vier-Tages-Trip in die nur eine Nachtfahrt entfernte Großstadt Kolkata (Kalkutta) und in den vermeintlich nahe liegenden Sunderbarns-Nationalpark, einem der größten Tiger-Reservate der Welt.“


Die Reise beginnt um 20.30 Uhr. Binit, mein bester Freund, und ich treffen uns vor dem Hostel. Aufbruchsstimmung. Ich mit meinem riesigen Wanderrucksack (ca. 6 kg), er mit einem kleinen Beutelchen (max. ½ kg) marschieren wir durch die Stadt zum Bahnhof.

Dann fährt der Zug ein. Ein unglaubliches Gedränge: Rein, raus, rechts, links, über mir, überall, zum Glück bleibt wenigstens der Boden unter mir. Jeder macht, wie er denkt. Erst raus lassen, dann brav einsteigen? Pustekuchen! Wir finden zum Glück schnell unsere Plätze und ich kann von dort aus das Treiben weiter beobachten. Was sich da um mich herum abgespielt, würde ich Perfektion des geordneten Chaos nennen. Rätselhaft, wie das klappt, aber mit dem Pfiff des Schaffners ist alles drin, was drin sein soll – und draußen, was draußen sein soll. Indien eben!

Der Zug erinnert mich anfangs ziemlich an Deutschland. Nur simpler, dreckiger, kaputter, aber die Atmosphäre wie auch der Aufbau des Waggons sind sehr ähnlich. In einer Liege-Kabine (nur ohne Türen) haben sechs Leute Platz. Über den Tag wird das mittlere Bett runter geklappt und dient als Lehne, man sitzt auf dem untersten Bett und auf dem oberen wird das Gepäck verstaut. Gegen 22 Uhr klappt man die Lehne der Sitze einfach nach oben und – schwups - entstehen drei Betten.

In der „normalen" Klasse, mit der wir fahren, sind die Zugtüren durchweg geöffnet. Kurz vorm Schlafen setze ich mich mit meinem Kumpel an den Rand und gemeinsam genießen wir eine halbe Stunde den Fahrtwind, sehen den vorbeifliegenden Lichtern nach und singen -  Gänsehaut! Die typischen Bilder, die man über indische Züge im Kopf hat, sind heutzutage nur noch Halbwahrheiten. Es ist streng verboten, auf den Dächern zu sitzen und dies wird - in der Regel - auch konsequent befolgt. Aber das hindert nicht daran, sich aus den Türen zu lehnen, bzw. bei Platzmangel auch mal halb auszuhängen, auch Fenster bieten in diesem Fall gute Griffmöglichkeiten. Auch wenn die Menschen nicht mehr auf den Dächern sitzen, in die Breite wächst der Zug bei Bedarf gerne mal…

Mit nur einer Stunde Verspätung kommen wir um 7 Uhr in Kolkata an. Gleich zu Anfang stellt die Stadt unter Beweis, was sie alles drauf hat. Kolkata ist die drittgrößte Stadt in Indien und berühmt für die Merkmale kolonialer Einflüsse. Zu Zeiten der Kolonialisierung war Kolkata eines der wichtigsten Handelszentren im gesamten südasiatischen Raum. An der Größe des berühmten Bahnhofs „Howrah" lässt sich vermuten, in welchen Dimensionen der Handel damals betrieben wurde. Der 1854 fertiggestellte Bahnhof hat 33 Gleise (von denen zur Zeit nur 23 bedient werden), alle schön in einer langen Reihe nebeneinander. Wir kommen am Gleis 2 an und müssen zur Busstation einmal durch den ganzen Bahnhof.

Der koloniale Einfluss prägt das Besichtigungsprogramm für die nächsten drei Tage: das Victoria Memorial besuchen, zur St.-Pauls-Kathedrale gehen und sich in Kolkatas größtem Markt elendig verlaufen. Erkunden können wir die Stadt mit der U-Bahn!!

Am dritten Tag begeben wir uns auf ein kleines Abenteuer. Wir wollen zum Nationalpark fahren, leider erweist sich das Vorhaben als sehr viel schwieriger als gedacht. Wir kennen nur den nächstgelegenen Bahnhof, aber auch dieser ist noch 2 Stunden von unserem Ziel entfernt. Mit dem Aussteigen aus dem Zug beginnt dann unser Abenteuer „Finde den Nationalpark“.

So stehen wir drei Jungs (gemeinsam mit einem weiteren Kumpel meines Freundes) irgendwo in der Pampa in Indien und wissen nicht, wohin. Doch wer suchet, der findet. In dem Fall tatsächlich einen Bus, der zumindest in die richtige Richtung fährt. Den erreichen wir mit Müh‘ und Not, auch dank des indischen Verkehrs: Der Dritte im Bunde schafft es bis zur Tür, mein bester Freund und ich leider nur bis zur Leiter hinten am Bus. Sie führt aufs Dach. Innerlich erst mal einen Haken in der „Was ich im Leben alles mal gemacht haben will-Liste“ gemacht. Ich bin wirklich für eine Stunde auf dem Dach eines Busses durch Indien gereist!

Für den Rest des Tages strahle ich wie ein Honigkuchenpferd. Egal was heute noch passieren mag, ich sitze in Indien, irgendwo im Nirgendwo, auf dem Dach eines Busses!"


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