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Indien: Menschen sehnen sich nach Normalität

Gossner Kirche: Schulen geschlossen; Gottesdienste fallen aus 

Normalerweise wird der Missionstag am 2. November in der indischen Gossner Kirche groß begangen: Tausende kommen zur Andacht und zum anschließenden Fest in Ranchi zusammen. Nicht aber in diesem Jahr. Und die Sorgen der Menschen sind groß: In Indien ist die Zahl der Corona-Infizierten rasant gestiegen. Mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern ist es nach den USA das am zweitstärksten betroffene Land der Welt. Vor allem der September entwickelte sich verheerend. Nun blicken die Menschen angstvoll dem großen hinduistischen Fest Diwali am 14. November und den befürchteten Auswirkungen entgegen. „Die Infektionszahlen könnten dann wieder in die Höhe schnellen“, so die Sorge.


Zwar hat die indische Zentralregierung vor einigen Wochen Lockerungen angekündigt. Doch die Realität für die Menschen sieht sehr unterschiedlich aus. Das liegt daran, dass die jeweiligen Bundesstaaten ihrerseits Restriktionen verhängt haben.

Im Bundesstaat Jharkhand, wo die Gossner Kirche vor allem tätig ist, sind noch immer sämtliche Bildungseinrichtungen mehr oder weniger geschlossen. Viele Schulen und Colleges haben es zwar geschafft, auf eine Form des digitalen Lehrens und Lernens umzustellen. Doch sind davon gerade die Schülerinnen und Schüler auf dem Land praktisch ausgenommen. Auch wenn sich in manchen Dörfern Jharkhands in den letzten Jahren einiges getan hat und es zunehmend ein funktionierendes Stromnetz gibt, so sind viele Dörfer bislang nicht durch Mobilfunknetze abgedeckt.

Das Straßenbild in der Hauptstadt Ranchi in Jharkhand sieht mittlerweile recht „normal“ aus, abgesehen von der Tatsache, dass die meisten Menschen eine Maske tragen. In Verkehrsmitteln (sogar im eigenen Auto und auf Motorrädern) ist das Tragen einer solchen Maske Pflicht, und Verstöße werden geahndet. Die meisten Geschäfte haben wieder geöffnet, beim Eintritt muss man sich als Kunde in Listen eintragen, die Körpertemperatur messen lassen und sich die Hände desinfizieren.

Seit Beginn des Lockdowns durften Gottesdienste nicht mehr in der gewohnten Form stattfinden. Sehr restriktive staatliche Vorgaben sahen vor, dass jegliche Formen religiöser Veranstaltungen mit Menschenansammlungen zu unterlassen seien. Einige Gemeinden der Gossner Kirche bieten seitdem Online-Gottesdienste an.

Für die Gossner Kirche hat die Situation schwerwiegende Auswirkungen: Beinahe sämtliche kirchliche Einnahmen sind weggebrochen. Die Gehälter kirchlicher Mitarbeiter werden für gewöhnlich aus den  Kollekteneinnahmen bestritten. Seitdem diese größtenteils ausbleiben, haben PfarrerInnen und DiakonInnen auf Gehaltszahlungen verzichten müssen.

Seit kurzem dürfen zwar Gottesdienste wieder stattfinden, aber die Liste der Auflagen ist lang. Zum Beispiel darf nicht gesungen werden. Daher hat sich etwa die Gemeinde in Ranchi noch nicht zu einer Wiederaufnahme regulärer Gottesdienste entschieden.

Outdoor-Gottesdienste zu größeren Ereignissen finden manchmal statt, „aber geben den Gemeindegliedern nicht das normale Gottesdienst-Gefühl, wie es in den Räumlichkeiten der Kirche aufkommt“, so unser Gesprächspartner in Indien. Und weiter: „Das ist für viele Menschen schlimm. Sie sehnen sich einfach nach ein wenig Normalität – und nach den Tröstungen des gewohnten Gottesdienstes.“

(Berlin, 3.11.2020)

Fotos:
- Gedenkstein zur Ankunft der Missionare in Ranchi.
- Bischof Johan Dang leitete am 2. November eine Andacht mit wenigen Teilnehmenden am Gedenkstein. 



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