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Gossner Kirche: "Mutig und begeistert"

Nach Jubiläumsreise: Helmut Kirschstein im Interview

Ihre 100-jährige Autonomie begeht in diesem Jahr die indische Gossner Kirche: Am 10. Juli 1919 beschloss die Synode in Ranchi ihre Selbstständigkeit. Zu den ersten großen Feierlichkeiten des Jahres am Gründungstag reiste eine Delegation der Gossner Mission nach Indien, die vom stellvertretenden Vorsitzenden, Dr. Helmut Kirschstein, geleitet wurde. Bei der Rückkehr zeigte er sich beeindruckt vom Mut und der Herzlichkeit der Gossner-Christen in Indien.


100 Jahre Autonomie der indischen Gossner Kirche – ein Anlass zum Feiern. Bevor jedoch die Gossner Kirche im Oktober dieses Jahres das Jubiläum in Ranchi begeht, lud  die von ihr abgespaltene Nordwest-Gossner Kirche zu Festivitäten am Gründungstag 10. Juli ein. Auf deren Einladung hin entsandte die Gossner Mission eine Delegation, die vom stellvertretenden Kuratoriumsvorsitzenden, Superintendent Dr. Helmut Kirschstein aus Norden, sowie Pfarrer i. R. Michael Heß aus Westfalen geleitet wurde. 


Herr Kirschstein, Sie haben erstmals Indien besucht. Was hat Sie am meisten beeindruckt?

KIRSCHSTEIN: Die große Freude über unser Kommen, ja: die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen! Indische Christen werden ja gegenwärtig durch einen erstarkten Hindu-Nationalismus offen angefeindet, jede Woche wird irgendwo in Indien ein Christ wegen seines Glaubens umgebracht. Angesichts dessen zeigten sich unsre Glaubensgeschwister hoch erfreut über die Ermutigung von außen. Mutig sind sie aber auch selbst und auf eine begeisternde Weise offensiv.

Woran machen Sie das fest?

KIRSCHSTEIN: Wir haben eine ehemalige Slum-Gemeinde am Stadtrand Delhis besucht, die ihre Gottesdienste in einem Wohnhaus feiert, weil ihr kein Ort für einen Kirchenbau gegeben wird. Neben solchen Neugründungen waren wir auch in Gemeinden, die schon seit über 150 Jahren ihr indisches Christsein leben. Ich finde es beeindruckend, dass die indische Gossner Kirche nicht etwa nur um den eigenen Bestand ringt, sondern sehr lebendig feiert und arbeitet. Damit wirkt sie für Menschen anderer Religiosität faszinierend, denn sie kümmert sich auch um die Ärmsten. Dass sie in ihren Gottesdiensten ursprüngliche Instrumente und indische Melodien verwendet und mit ihren Tänzen die Tradition der eingeborenen Adivasi fortführt, macht sie zu einer indigenen Gemeinschaft mit starker Ausstrahlung, kulturell wie religiös.

Die Gossner Kirche in Indien ist seit mehr als 40 Jahren gespalten. Sie waren jetzt vor allem bei der Nordwest-Kirche zu Gast. Sie haben recht deutlich für eine Wiedervereinigung der beiden Kirchen geworben. Sind Sie gehört worden?

KIRSCHSTEIN: Ja, unsre Partner haben uns immer wieder gespiegelt, dass die Botschaft bei ihnen angekommen ist. Überrascht hat mich selbst, dass beide Kirchen in ihrer doch eher traditionellen christlichen Frömmigkeit bisher eher die juristische Auseinandersetzung über strittige Besitzansprüche gepflegt haben. Bestenfalls standen da eher nüchterne Verhandlungen am „Runden Tisch“ im Vordergrund. Mir scheint, dass das starke biblische Votum für Versöhnung und Besinnung auf die gemeinsamen Glaubensgrundlagen eine einigende Kraft entwickeln kann, die bisher wenig zum Tragen kam.

Wie kann die Gossner Mission dabei helfen?

KIRSCHSTEIN: Ich plädiere dafür, dass wir unsre bisherige Zurückhaltung ablegen und unsre Wünsche nach einer versöhnten Einigkeit beider Kirchen deutlich formulieren. Eben das habe ich bei unserem Besuch ja schon getan und bin damit auf Zustimmung beider Kirchen gestoßen. Wie genau eine neue Einigkeit oder gar Einheit dann aussehen mag – dafür gibt es allenfalls Fantasien, wirkliche Pläne dazu müssen die beiden Partner entwickeln und umsetzen.

Sie haben mit der achtköpfigen Delegation zahlreiche Gemeinden, Kirchen, Kindergärten, Internate sowie Aus- und Weiterbildungseinrichtungen besucht. Gibt es Projekte, die Sie nach dieser Reise gerne intensiver unterstützen würden?

KIRSCHSTEIN: Sicherlich sind alle diese Einrichtungen unterstützenswert, denn sie dienen der kirchlichen wie der menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Adivasi als kastenlose Ureinwohner für die Mehrheitsgesellschaft immer noch so etwas wie „der letzte Dreck“ sind. Alles, was die Menschenwürde unsrer Brüder und Schwestern stärkt, ist gut und richtig. Dabei stehen Kinder und Jugendliche natürlich besonders im Fokus. Aber auch jeder Neubau einer Kirche – da konnten wir uns von der großartigen Eigeninitiative vor Ort überzeugen – bedeutet die Bereitstellung eines „Zentrums für Hoffnung, Menschenrecht und Menschenwürde“.



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