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Corona: In Uganda bleiben die Schulen dicht

„Wie man ein Bildungssystem ruiniert“

Unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden besonders die Kinder. Weltweit. So sollen in Uganda die Schulen geschlossen bleiben, bis eine bestimmte Anzahl von Menschen im Land geimpft ist. Aber: „Es gibt zwar ausreichend Impfstoff, doch die Regierung versagt bei der Verteilung. Die Leidtragenden sind die die Lernenden und die Lehrenden“, kritisiert Afrika-Koordinator Dr. Volker Waffenschmidt. Im März 2020 waren in Uganda Schulen und Betriebe nach Auftreten der ersten Corona-Fälle geschlossen worden. Allein in diesem ersten Corona-Jahr, so UNICEF, verpassten die Schülerinnen und Schüler 149 Tage Unterricht. Nun sind die Schulen seit Juni 2021 erneut dicht – und eine Öffnung ist noch nicht abzusehen. 


Dr. Volker Waffenschmidt, Afrika-Koordinator der Gossner Mission, kommentiert die Schulsituation in Uganda:

„Im März 2020 waren auch die Partnerschulen der Gossner Mission in Gulu und Kitgum im Norden des Landes von den Schließungen betroffen. Damals war die Hoffnung noch groß, dass diese Maßnahmen nur vorübergehend nötig wären.

Auswirkungen haben die Schulschließungen nicht allein auf die Kinder, sondern auch auf die Lehrkräfte. Diejenigen, die auf der staatlichen Gehaltsliste stehen, bekommen ihren Unterhalt weiter. Die meisten Schulen aber beschäftigen darüber hinaus Lehrkräfte, die aus Elternbeiträgen bezahlt werden, zudem weitere Angestellte wie Hausmeister, Nachtwächter und Köchinnen, die auf keine staatliche Unterstützung bauen können. Nach einem Artikel des „Guardian“ vom 30.9.2021 (s.u.) sind etwa 40 % der Grund- und 60 % der Sekundarschulen in Uganda private Einrichtungen, darunter auch kirchliche, die kaum öffentliche Gelder erhalten.

Zweimal sprang die Gossner Mission mit Geldern aus der Corona-Nothilfe ein, um an der Mädchen-Oberschule in Kitgum auszuhelfen.
Schon hoffte man, dass sich die Situation wieder normalisieren würde, dass der Schulbetrieb unter Beachtung der üblichen Vorsichtsmaßnahmen wieder aufgenommen werden könne, da trat die sogenannte Delta-Variante auf, die nächste große Welle. Die Folge war eine erneute Schließung aller Schulen im Juni 2021. Inzwischen sind die Infektionszahlen zwar wieder auf ein „Normalmaß“ zurückgegangen und betragen laut öffentlich zugänglichen Statistiken nur noch etwa 2 % der Zahlen vom August, aber an eine Öffnung denkt die Regierung offenbar noch nicht.

Als Präsident Museveni am 22. September im Fernsehen eine Ansprache zur Corona-Lage hielt, waren die Erwartungen groß, dass es endlich zu Erleichterungen und Öffnungen kommen werde. Die Welle war ja so gut wie gebrochen. Wie groß war aber dann die Ernüchterung, als verlautete, die Schulen blieben weiterhin geschlossen. Begründung: infizierte Schüler, wiewohl selbst wenig gefährdet, könnten doch zu Hause ihre Familien anstecken und somit die Krankheit weiter verbreiten. Es gälte zunächst, eine höhere Impfquote im Lande zu erreichen. Als Ziel wurde eine Zahl von 4,8 Millionen genannt, ohne dass diese näher begründet wurde. Dieses Ziel, so Museveni, sei zum Jahresende erreicht, dann würden die Schulen wieder geöffnet.

Das neue Ziel lautet nun jedoch 7 Millionen Impfungen, wie der „Daily Mirror“ vom 15.10.2021 (s.u.) berichtet. Und er fügt hinzu, dass bis zur Erreichung dieses neuen Schwellenwertes noch Monate vergehen könnten. Denn von den bislang geimpften etwa 2,5 Millionen Ugandern haben noch nicht einmal eine halbe Million eine zweite Dosis erhalten.

Dabei liegt es nicht einmal an einem Mangel an Impfstoff. Laut „Daily Mirror“ und anderen Quellen liegen derzeit mehr als drei Millionen Dosen ungenutzt auf Halde, viele haben schon das Verfallsdatum überschritten. Warum? Weil die Regierung es nicht schafft, sie in die Fläche zu verteilen. Gewiss spielt dabei auch mangelnde Aufklärung eine Rolle, die Impfwilligkeit bei vielen Menschen wird durch manch wirre Fehlinformationen getrübt, aber grundsätzlich handelt es sich um staatliches Versagen, neben der schlechten Kommunikation vor allem um Mängel in Management und Logistik.

Die Leidtragenden sind die Schulen, die Lernenden und die Lehrenden. Kinder sind zu Hause oft unbeaufsichtigt. Die Fälle häuslicher Gewalt nehmen ebenso zu wie die Zahl der Frühschwangerschaften bei Mädchen, häufig aufgrund von Vergewaltigungen im dörflichen Umfeld. Laut UNICEF (s.u) stiegen die Fälle von März 2020 bis Juni 2021 um über 22 % bei den 10- bis 24-Jährigen. Gleiches berichtet auch Schulleiterin Gladys Oyat aus Kitgum.

Und die Lehrkräfte? „Ich werde nie wieder zurückgehen“, lautete die Schlagzeile des oben genannten „Guardian“-Artikels. Darin beschreiben viele Lehrkräfte, wie sie ohne Einkommen auf außerschulische Jobs zurückgreifen müssen: Landwirtschaft, Gartenbau, ein Verkaufsstand auf dem nächsten Markt. Gladys Oyat kennt Kolleg:innen, die nun eines der populären Motorrad-Taxis fahren, ein „Boda-Boda“. Andere kaufen und verkaufen Holzkohle. Manche finden Gefallen an der neuen Tätigkeit, garantiert es ihnen wenigstens das Überleben. Wie viele von ihren Kolleg:innen nie wieder in den Schuldienst zurückkehren werden, kann Gladys Oyat nicht sicher sagen. „Aber ein Mangel an Lehrkräften ist absehbar. Es bleibt eine tiefe Verunsicherung.“ Und eine ebenso tiefe Enttäuschung darüber, wie wenig Wert die ugandische Regierung der Bildung der Jugend beimisst. Die Folgen für das Bildungssystem im Lande werden noch weit über Corona hinaus zu spüren sein.“
(Berlin, 12.11.2021)

1) https://www.unicef.org/uganda/press-releases/prioritize-re-opening-schools-secure-childrens-well-being
2) https://www.theguardian.com/global-development/2021/sep/30/ill-never-go-back-ugandas-schools-at-risk-as-teachers-find-new-work-during-covid
3) https://www.monitor.co.ug/uganda/news/national/covid-museveni-changes-terms-for-school-opening-3584190



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