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Herzlich Willkommen in meinem Reiseblog
 
 
Liebe Gossner-Freunde,

rund zehn Tage lang werde ich unsere Partnerkirche in Indien, die Gossner Kirche, besuchen. Es handelt sich um einen Arbeitsbesuch – und trotzdem wird sicherlich Zeit sein, interessante Eindrücke und Neuigkeiten aufzunehmen. Begleiten Sie mich doch einfach. Ich freue mich schon auf Ihre Rückmeldungen.

Ihr
Ulrich Schöntube
 
 

20.1. Nur scharfes essen macht klug!

Heute war ein Tag mit Sitzungen. Um ehrlich zu sein, es war auch etwas frustrierend. Da half nur ein „Parampara“. Mit diesem lustigen Wort nennt man hier Dinge die Tradition haben. Tradition ist seit einigen Jahren, dass ich mit Jinit Surin, einer Sekretärin aus der Kirchenleitung, ein Glitzerkleid für unsere Mädels besorge. Aber der Reihe nach.

Morgens fand eine lange Sitzung mit einer Kommission statt, die Stipendien für Theologiestudierende vergibt. Die Gossner Mission zahlt jährlich 6-7.000 € für solche Stipendien. Zu besprechen waren die Vergabekriterien. Mir lag besonders die Förderung von Studentinnen am Herzen. „Wieso?“ fragten einige zurück. „Nicht einmal alle Diözesen ordinieren Frauen. Dann brauchen wir sie auch nicht zu fördern. Die Studenten bekommen in der Regel eine Unterstützung aus ihren Diözesen. Die schicken keine Frauen.“ Darauf ich: „Eben deshalb. Ihr werdet nie Frauen ins Pfarramt bekommen, wenn ihr nicht dieses Instrument der Stipendien nutzt, um zu steuern. Wenn die Männer ohnehin gefördert werden, dann sollten unsere Stipendien für die Frauen sein.“ Es wurde eine harte Nuss und es kamen die merkwürdigsten Argumente. Darunter auch Heiteres: Zum Beispiel hätten sie schon Frauen nach Südindien zum Studieren geschickt. Sie hätten aber bald abgebrochen, weil sie das scharfe Essen nicht vertrugen. Deshalb sei zu überdenken, wie es mit der Eignung für höhere Studien überhaupt stehe. Und dergleichen mehr. Am Ende aber waren wir uns einig, dass in Zukunft ausschließlich Frauen in den Studien des Bachelor of Divinity gefördert werden sollen. Auf das nächste Budget für Stipendien bin ich gespannt.

Dann besuchte ich das Archiv. Die Gossner Mission konnte mit Hilfe der DFG ein Digitalisierungsprojekt des Archivgutes der Gossner Kirche umsetzen. Akten der Kirchenleitung und nun auch der Missionsstationen Burju und Govindpur konnten chemisch gereinigt und gescannt werden. Ein großer Teil der Daten ist bereits in Berlin im Zentralarchiv und wird mit unserem Archivgut der Gossner Mission verknüpft.
In dem Raum saßen an die zehn Studenten und arbeiteten konzentriert an Bildschirmen, scannten Dokumente etc. Derweil fand draußen im Hof des theologischen Colleges, wo das Archiv liegt, eine muslimische Hochzeit statt. Das klingt merkwürdig. Aber das College vermietet von Zeit zu Zeit seine Räume für solche Gesellschaften. Drei große Nageras, das sind riesige Trommeln, wurden abgeladen. Die Scanner und die Archivboxen werden im Laufe des Nachmittages noch erzittern. Bestimmt schaut die Mitarbeiterin dann nicht mehr so freundlich drein.
Im Anschluss an diesen Besuch eines großartigen Projekts erlebte ich den Tiefpunkt der Sitzungskultur in der Gossner Kirche. Es tagte die Historische Kommission. Auf den Sekretär musste eine Stunde gewartet werden. Er müsse seine Akte suchen. Kurz bevor ich gehen wollte, erschien er. Ohne ein Wort der Entschuldigung begann die Sitzung, ohne Protokoll, ohne Tagesordnung, ohne an eine Erinnerung daran, was bereits beim letzten Mal beschlossen wurde. Ich verstehe das nicht ganz. Denn das Projekt des Archivs böte genügend Entwicklungsmöglichkeiten. Aber vielleicht holt uns ein, dass die Schriftkultur der Adivasi noch gar nicht so alt ist? Ohne nennenswertes Ergebnis wurde die Sitzung geschlossen.

Gegen den Frust stürzte ich mich mit Jinit Surin ins Getümmel. Auf der Suche nach zwei Kleidern türmte der Verkäufer Schachteln auf, die er alle aufriss und auf dem langen Verkaufstisch verteilte. Indische Verkaufskultur. Als wir endlich zwei niedliche Festkleider erstanden, hinterließen wir ein Schlachtfeld im Geschäft. Wie jedes Jahr. Parampara. Ich bin gespannt, wie sie unseren Mädels gefallen werden.

Heute Abend habe ich noch unseren Liaison Officer Alex Nitschke und seine Frau Idan Topno zum Essen eingeladen. Es ist nun etwas spät geworden und ich muss noch einmal meinen Vortrag lesen, den ich morgen im theologischen College halten werde. Deshalb mache ich jetzt Schluss.
Bis bald.